Azar Mortazavi

Azar Mortazavi, geboren in Wittlich/Rheinland-Pfalz, studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. 2008 nahm sie an dem internationalen Theatertreffen „Festival Of Young European Playwrights“ in Utrecht teil. Für ihr Stück Todesnachricht (UA 2011 Pfalztheater Kaiserslautern) wurde sie 2010 mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnet. 2011 wurde ihr Kurzdrama „Himmel und Hölle“ zum 1. Karlsruher Dramatikerfestival am Badischen Staastheater Karslruhe eingeladen. 2012 wurde ihr der exil-Dramatikerinnenpreis der WIENER WORTSTAETTEN zugesprochen. Mit ihrem zweiten Stück Ich wünsch mir eins (Uraufführung 2012, Theater Osnabrück, Regie: Annette Pullen) wurde Azar Mortazavi zu den Mülheimer Theatertagen und zu den Autorentheatertagen Berlin 2013 eingeladen. 2014 hatte „Urteile“, ein dokumentarisches Theaterprojekt über die Opfer des NSU in München, das in Zusammenarbeit mit Regisseurin Christine Umpfenbach entstand, am Residenztheater München Premiere.
Ihr Stück „Zwischenzeit“, ein Werkauftrag der WIENER WORTSTAETTEN, wurde 2014 am Theater Nestroyhof Hamakom in Wien uraufgeführt. Azar Mortazavi arbeitete mit dem Ballhaus Naunynstraße zusammen, für das sie u.a. die Bühnenfassung von „Der klügste Mensch im Facebook“ von Aboud Saeed schrieb. Für das Jugendtheaterstück „Revolution of Colour“, das auf dem Roman Kara Günlük – Die geheimen Tagebücher des Sesperado! von Mutlu Ergün-Hamaz basiert, verfasste sie die Textfassung. Das Stück würde 2017 zum Theatertreffen der Jugend eingeladen.

Unter Deutschen
Vor Leylas Tür taucht eines Tages Isabell auf, die Nachbarin aus der Wohnung von oben, die ihre wütende Mutter soeben in ein Altenheim umgesiedelt hat und deren von Migräne geplagter Mann sich schon bald als Phantom entpuppen wird.
Leyla lebt mit Ibrahim zusammen, der nicht ihr Mann ist und der Anderes zu tun hat, als mit ihr eine Familie zu gründen und Urlaub am Mittelmeer zu machen. Dass er in den überfüllten Turnhallen der Stadt als Übersetzer arbeitet und sein naturgemäß dunkler Bart in der Nachbarschaft für Irritation sorgt, wird ihm zum Verhängnis, als in der Stadt etwas passiert.
Aber auch davor liegt schon vieles in der Luft, das sich schwer in Worte fassen lässt. Nichtsdestotrotz: Isabell interessiert sich geradezu überschw.nglich für Leyla, die junge, dürre Frau. Ihre unvermittelten Besuche sind bald an der Tagesordnung. Erst, um Milch zu borgen, später mit einem Kuchen in den Händen, dann einfach, weil es sich besser reden lässt zu zweit und sie sich dabei erholen kann von der Sprachlosigkeit, mit der sie den Tiraden ihrer Mutter gegenüber sitzt.
Ein fremder bärtiger Mann. Eine junge dunkelhaarige Frau mit deutschem Pass. Eine einsame Nachbarin, die es nur gut meint. Eine traurige alte Frau, die ihre Lebensangst noch ein letztes Mal in Wut umwandelt.
Mit großer Konzentration und genauem Gespür für Ihre Figuren sowie fernab von sprachlicher Effekthascherei zieht Azar Mortazavi ihre erzählerischen Kreise, bis sich das von ihr gespannte Netz zusammenzieht und den Handlungsspielraum der Agierenden unerbittlich Richtung Tragödie verengt. Eindrucksvoll wird uns dabei vor Augen geführt, wie schnell wir einander fremd werden, wie wir verstummen, wenn das Wesentliche ungesagt bleibt und sich Gesagtes in unseren Köpfen metastasiert, wie aus Nachbarn Verdächtige und Menschen zu Kategorien werden.
In Mortazavis Text löst sich jedes noch so zarte Band der Nähe, das seine Figuren unbeholfen zu knüpfen versuchen, in Unverständnis auf. Somit trifft Azar Mortazavi mit „Unter Deutschen“ das Jetzt einer Gesellschaft ins populistische Herz, die sich überfordert von der Komplexität des Weltgeschehens wegguckt und mit vorgefundenen Kategorien und Assoziationsblasen zu bestimmen versucht, was fremd ist.
Besetzung: 3 D , 1 H
Aufführungsrechte: schaefersphilippen

Zwischenzeit
Maria bekommt nach Jahren Besuch von ihrer Halbschwester Mina, die als Teenager mit ihrem Vater in dessen Heimatland gegangen war, um die deutsche Kleinstadt samt Halbschwester Maria und der gemeinsamen Mutter, hinter sich zu lassen.
Nach dem Tod des Vaters kehrt sie gezwungenermaßen nach Deutschland zurück – das ferne Land des Vaters allerdings bleibt Projektionsfläche ihrer unerfüllten Wünsche und begleitet sie fortan als ungelebter Traum.
Mitten in der Nacht steht Mina also plötzlich vor Marias Kleinfamilien-Tür, die in der Zwischenzeit mit ihrem Mann Toni ein Kind bekommen hat. Toni, ein Anwalt, der keine Mandate annimmt, weil er sich vor dem Gewicht seiner Worte fürchtet, dreht jeden Abend seine Runden, bevor er nach Hause kommt und träumt von der unnahbaren Anja, die wiederum hofft, endlich mal von einem der einsamen Biertrinker am Tresen angesprochen zu werden. Dass die erschöpfte Maria auf ihn wartet, ahnt er – und dass es mit der Liebe zwischen den beiden nicht mehr weit her ist. Das Bild einer kleinen erfolgreichen Familie, das Maria als Verpackung ihrer Einsamkeit entworfen hat, zeigt deutliche Verschleißspuren, die auch Mina nicht verborgen bleiben.
In der Mitte der Nacht stehen sich diese in der eigenen Dunkelheit verirrten Figuren gegenüber. Die Ahnung von Unerfüllbarkeit, die die Sehnsucht nährt und die Enttäuschung zementiert, bestimmt jede dieser angerissenen Lebensgeschichten, die davon erzählen, dass so vieles hätte anders kommen sollen. Mortazavis Text verdichtet durch diese Nacht hindurch Ungelebtes und Erhofftes, Vorbeigezogenes und Unwiederbringliches zu einer kühlen und gleichzeitig intimen Studie sich fremd bleibender Menschen, für die es keinen Ort zu geben scheint, der sie zum Bleiben bewegen könnte. Unvermittelt poetisch tragen die Figuren ihr Erstaunen darüber, dass ihnen ihr Leben Schmerzen bereitet, durch die nächtliche Kälte der Straßen und durch die Flure ihrer Wohnungen, die Schutz bieten vor der Dunkelheit, aber ihnen kein Zuhause sind.
Besetzung: 3 D , 1 H
Aufführungsrechte: schaefersphilippen
UA: Theater Nestroyhof Hamakom, Wien 2014
Regie: Hans Escher