Thomas Perle

Theater ist der Ort, wo Gedanken und Gefühle geteilt werden. Aus meinen Wörtern am Papier sollen auf der Bühne Gefühle entstehen. Ich möchte, dass das Publikum etwas fühlt. Wut, Glück, Freude, Leid, Lust – Alles, außer Fadess oder Frustration. Dies nur, wenn explizit gewollt.
Meine Stücke sind oft von wahren Begebenheiten, Biografien, gelebtem Leben inspiriert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Mich interessieren tiefe, psychologische Charaktere.
Für meine Texte wähle ich eine eigene Sprache, die durch den eigenen Sprachrhythmus zur Musik wird, eine Symphonie der Worte und der Klänge, eine Sprachsymphonie.

Thomas Perle wurde 1987 in Rumänien geboren. 1991 emigrierte er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er dreisprachig aufwuchs. Von 2008 bis 2015 Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Während des Studiums hospitierte er in der Dramaturgie am Volkstheater Wien und war von 2010 bis 2012 als Regieassistent am Schauspielhaus Wien angestellt. 2013 erhielt er den exil-Literaturpreis, 2014 war er im Rahmen der Nachwuchsautorenförderung des ORF III Writer in Residence im LOISIUM. Seit 2015 ist er Mitglied des Autorentheaterlabors WIENER WORTSTAETTEN, erhielt das Startstipendium für Literatur 2015. 2016 erhielt er den ersten Preis beim 28. Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden. Eigene Regiearbeiten, zuletzt am Staatstheater Nürnberg. 2017 wurde sein Stück „mutterseele. dieses leben wollt ich nicht.“ im WERK X-Eldorado uraufgeführt.

mutterseele. dieses leben wollt ich nicht.
Rita lebt ein verlebtes Leben. Eines, das sie so niemals wollte.
Sie lernte Gerhard kennen, wurde schwanger und heiratete den Vater ihres Kindes Marie. Schnell wurde das Eheleben zur Hölle. Der Alkohol, anfangs noch als etwas Nebensächliches eingeführt, wurde mehr und mehr Hauptbestandteil in Ritas Welt, nachdem Gerhard aus dieser verschwunden ist.
Die erwachsene Marie, traumatisiert von ihrer Kindheit mit der alkoholkranken Mutter, versucht ihr Leben anders zu führen, auf keinen Fall möchte sie so werden.
Sie verliebt sich in Sven, die Mutter bleibt für ihn im Verborgenen, ebenso ihre Schwangerschaft, die etwas in Marie auslöst. Etwas, das ihr eigenes Lebensglück gefährdet.
Die Alkoholsucht als Grenzüberschreitung. Das eine Glas, die eine Flasche zu viel. Zu viel um ein normales Leben führen zu können.
Besetzung: 3 D , 2 H
Aüfführungsrechte: Österreichischer Bühnenverlag Kaiser & Co
Uraufführung: Werk X Eldorado (Vienna)
6. 3. 2017 Director: Lina Hölscher

ein stück ein fleck in den karpaten (AT)
Zur Geschichte: Zwischen 18. und 19. Jahrhundert werden deutsche Siedler in den Karpaten angesiedelt. Sie kommen aus der Slowakei und aus dem österreichischen Salzkammergut. Arme, kinderreiche Familien. Die Männer arbeiten als Holzarbeiter oben in den Bergen und kehren einmal in drei Wochen zurück ins Tal, die Frauen besorgen die Felder und hüten die Kinder.
Hier leben bereits die Magyaren, die ebenfalls angesiedelt wurden, um die Gegend zu „magyarisieren“. Gleichzeitig findet eine jüdische Siedlungswelle statt, die ersten Gewölbe und Kneipen („Beisl“) werden eröffnet. Aus anderen Tälern kommen Rumänen und Ruthenen.
Der Nationalismus schafft es nicht bis hierher, die Grenzen ändern sich zwar plötzlich, doch in den Köpfen bleibt die Monarchie.
Man lebt nun in einem neuen Vielvölkerstaat, einem rumänischen.
Für die Menschen ändert sich nicht viel, selbst als der zweite große Krieg kommt, verstehen die Deutschen aus dieser Gegend zunächst einmal nicht, warum der Jude „anders“ sein soll, kaufen weiterhin selbstverständlich bei ihm ein und trinken in seinem Beisl. Bis eines Tages die Grenzen noch einmal verschoben werden und jetzt das Horthy-Regime regiert, welches die Deportation der Juden anordnet. Bei der ersten Deportation werden zunächst alle jüdischen Männer „zur Arbeit“ gefahren. Bei der zweiten Deportation alle Frauen, Kinder und Alten zur „Familienzusammenführung“ fortgeschafft.
Später kommen die wenigen Überlebenden des Holocausts zurück und bewaffnen sich gegen die Deutschen, gehen von Haus zu Haus, suchen nach den Habseligkeiten, die ihnen gestohlen wurden. Sie kommen erst nach den Deutschen aus den Lagern zurück und wissen nicht, dass auch deren Häuser während ihrer Abwesenheit geplündert worden sind. Für die Juden ist das keine Heimat mehr, sie verlassen den Ort in den Karpaten und gründen in Israel eine neue Heimat, sie sind alle verschwunden, wie die einstige schöne Synagoge, die der Sozialismus weichen lässt.
Dort wo sie einst stand, steht nun ein Block, in dem Rumänen wohnen. Immer mehr siedeln sich hier an. Als der Sozialismus zerfällt, beginnt das Dorf erneut auszubluten. Die Deutschen verschwinden und suchen in Deutschland eine neue Heimat. Nur dieses Deutschland hat nichts mit ihrem Deutschtum, zu dem sie sich bei der Einbürgerung bekennen müssen, zu tun.
2018 markiert das 100. Jahr nach dem Zerfall Österreich-Ungarns. Es war ein besonderes Staatenkonstrukt, das durchaus mit der heutigen Europäischen Union gleichgesetzt werden kann, in der sich dieser Fleck in den Karpaten heute befindet.
Warum konnten die verschiedenen Völker an jenem Ort in Frieden miteinander leben und wie? Wie kommunizierten sie in den verschiedenen Sprachen miteinander, und wie fand eine Sprache den Weg in die andere?
Hier kommen verschiedene Figuren zu Wort, verschiedene Sprachen, die miteinander verwoben werden. Ein Rückblick auf Geschichte, ein Erinnern, aus dem man lernen kann für eine europäische Zukunft.
Es geht in dem Stück um den Alltag dieses Vielvölkerdaseins, das Sprachgewirr, das Kulturgewirr auf ungepflasterten Straßen. Ein Mosaik von alltäglichen wie mystischen Geschichten eines Ortes Mitten in den Karpaten.