Jelena Schulte

Der Abdruck der Macht in den Biografien der Ohnmächtigen, der Blick auf die Welt von unten, vergessene Orte sichtbar, verdrängte Geschichten hörbar machen, mit den Mitteln der Poesie.

Anne Jelena Schulte wurde in Berlin geboren und lebt heute dort. Sie hat an der UdK Berlin Szenisches Schreiben studiert. Häufig entwickelt sie ihre Stücke als Auftragsarbeiten für Theater zu gemeinsam gefundenen Themen. Die wichtigsten Arbeiten der letzten Jahre waren 2011 DIE HOFMEISTER/ GIVE ME YOUR LOVE (Straßentheaterserie für das Maxim Gorki Theater Berlin, Regie: Peter Kastenmüller), 2013 WORRINGER SCHLACHTEN (Schauspielhaus Düsseldorf, Regie: Nurkan Erpulat), SOFJA (Stück über die russische Mathematikerin Sofja Kowalewskaja, Deutsches Theater Göttingen, Regie: Antje Thoms). Für das Deutsche Theater Berlin hat sie zwei Stücke geschrieben: 2014 ZUR NOT NE STULLE WENIGER (Arbeitergeschichten aus Prenzlauer Berg, Regie: Antje Thoms) und 2015 WODKA-KÄFER (nach „Berliner Mietshaus“ von Irina Liebmann, Regie: Brit Bartkowiak).
Sie ist Mitarbeiterin der Seite „Nachrufe“ im Berliner Tagesspiegel, in der Biografien unbekannter BerlinerInnen veröffentlicht werden.

WEISSES GOLD
Besetzung: 3F, 2M

Hunderttausende Kriegs- und Armutsflüchtlinge aus ganz Europa ließen sich locken vom Ruf des »Weißen Goldes«, wie man die Baumwolle in Argentinien nannte.
In der Hoffnung auf ein besseres Leben bestiegen sie das Schiff nach Argentinien, um fortan unter der subtropischen Sonne der Provinz Chaco Baumwolle zu kultivieren. Die Autorin Anne Jelena Schulte hat die Region besucht, Geschichten von Erntehelferinnen, Kleinbauern, Agraringenieuren und dem »König der Baumwolle« gesammelt und den Baumwollanbau im Zeichen der modernen, globalisierten Agrarindustrie dokumentiert. Theatrale Grundlage des Stückes sind die Familienlegenden der europäischen Auswanderer, Geschichten, die im Europa des letzten Jahrhunderts begannen, und in der Gegenwart Argentiniens weitergelebt werden, wo Konzerne wie Monsanto das große Geschäft machen.
So hart und entbehrungsreich das Leben für viele Menschen dort noch immer ist: Der Traum vom weißen Gold, das nicht nur Wohlstand, sondern auch Frieden, Geborgenheit und Gerechtigkeit verspricht, ist noch immer lebendig.

ANTONIUSFEUER
Besetzung: 3F, 4M

Das Stück geht zurück auf einen authentischen Fall, das Schicksal des Joachim Schwahr, geboren 1922, 1949 wegen (konstruierten) Spionagevorwürfen vom russischen Militärtribunal zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Er verbrachte 8 Jahre in den Gefängnissen Bautzen und Torgau, wo er Schikane, Erpressung, Hunger und Kälte ertragen musste. Ständig hatte er Angst, Freunde und Familie zu verraten. Er erkrankte an Tuberkulose und entwickelte vorübergehend Wahnvorstellungen.
Nach seiner Entlassung flüchtet er nach West-Berlin. Er versucht sich ein neues Leben aufzubauen. Seine Kräfte sind durch die traumatische Gefangenschaft sehr begrenzt und er bricht wieder zusammen. So beantragt er in Bezugnahme auf das Gesetz für ehemalige politische Gefangene der DDR eine finanzielle Beihilfe. Er gerät in die Mühlen der Bürokratie und führt einen nervenaufreibenden Prozess gegen das Versorgungsamt. Als der Arzt und Psychologe ihm jede Haftentschädigung abspricht, reift bei Joachim Schwahr der Gedanke an Rache. Da er davon überzeugt ist, dass er während der Haft mit chemischen Substanzen und psychotherapeutischen Methoden manipuliert wurde, beschließt er nun ebendiese Methoden auf den Arzt und alle anderen, die ihn enttäuschten, anzuwenden. Er macht seinen Plan wahr und vergiftet einige Menschen mit dem psychedelisch wirkenden Getreidepilz „Mutterkorn“, der im Mittelalter ganze Dörfer in Wahnzustände versetzte, „Antoniusfeuer“ genannt. Machte man früher Hexen dafür verantwortlich, so ist es nun Joachim Schwahr, der auf den Scheiterhaufen der Bürokratie gestellt wird: Er stirbt den Märtyrertod.
Anne Jelena Schulte geht es vor allem die Frage der gesellschaftlichen Verantwortung für den Einzelnen, und das Scheitern sowohl am kommunistischen als auch am kapitalistischen System.