Dirk Laucke

 

Schreiben ist eine paradoxe Angelegenheit. Der schönsten Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann, hängt immer ein Flecken Scham an: Es ist als würde man sich zu viel heraus nehmen. Trotz seiner Eingebundenheit in die Verwertungsmechnanismen der Kulturindustrie umgibt es eine Aura von Freiheit. Und auch wenn Schreiben so frei nicht ist, habe ich doch die Möglichkeit, mir im Schreibprozess und den Figuren, die ich schaffe, ein bisschen Würde zu verleihen. Zumindest den Kampf um sie.

Fabulamundi involved Dirk Laucke in activities in Berlin, in Târgu Mureș and in Paris.

Dirk Laucke, geboren 1982, aufgewachsen in Halle (Saale). 2002 beginnt Dirk Laucke ein Psychologiestudium in Leipzig, wechselt aber 2004 nach Berlin, um dort an der Universität der Künste Szenisches Schreiben zu studieren. Noch im selben Jahr stellt er bei den Salzburger Festspielen auf Einladung von Tankred Dorst sein Stück „Symptom“ in einer Lesung als Nachwuchsdramatiker vor. 2006 erhält Dirk Laucke den Kleist-Förderpreis für sein Stück „alter ford escort dunkelblau“ und wird damit 2007 erstmals zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. 2007 Nachwuchsautor des Jahres bei der Kritikerumfrage im Jahrbuch der Zeitschrift „Theater heute“. 2009 Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen, 2010 Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI und Einladung zu den Mülheimer Theatertagen, 2012 Juror beim Heidelberger Stückemarkt und Uraufführung von „Einigkeit und …“ am Theater Heidelberg

Theaterstücke
2004 / Symptom (unvollendet), 2004.
2005 / Hier geblieben (zusammen mit Reyna Bruns und Magdalena Grazewicz); UA: 2005, Berlin
2007 / alter ford escort dunkelblau; UA: 2007, Osnabrück
2008 / Wir sind immer oben; UA: 2008, Essen
2008 / Silberhöhe gibts nicht mehr; UA: 2008, Halle
2009 / Für alle reicht es nicht; UA: 2009, Dresden
2009 / Der kalte Kuss vom warmen Bier; UA: 2009, Heidelberg
2009 / Ultras; UA: 2009, Halle 2009 / zu jung zu alt zu deutsch; UA: 2009, Osnabrück
2010 / Stress! Der Rest ist Leben; UA: 2010, Berlin
2010 / Start- und Landebahn; UA: 2010, Osnabrück
2010 / Bakunin auf dem Rücksitz; UA: 2010, Berlin
2011 / Alles Opfer! oder grenzenlose Heiterkeit; UA: 2011, Recklinghausen
2011 / Angst und Abscheu in der BRD; UA: 2011, Oberhausen
2012 / Cargonauten; UA: 2012, Bremerhaven
2012 / Einigkeit und …; UA: 2012, Heidelberg
2013 / Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl; UA: 2013, Bochum
2013 / Samurai; UA: 2013, Heidelberg

Für alle reicht es nicht
Als Jo und Anna bepackt mit einer Ladung „illegaler“ tschechischer Kippen durch die Botanik Richtung Deutschland stapfen, fühlen sie sich nicht gerade wie Sieger der Geschichte. Obwohl die Grenze für sie inzwischen zur nostalgischen Erinnerung an Grenzerschikane und Zollkontrollettis geronnen ist, haben sie längst kapiert, dass kleinkrimineller Schwarzmarkthandel auch nur für ein Leben von der Hand in den Mund reicht. Aber dann steht da plötzlich wie eine Fata Morgana dieser Transporter mit dem undefinierbaren Autokennzeichen vor ihnen im Wald und darinnen finden sie haufenweise Schmuggel-Zigaretten und ein paar halbtote Asiaten. Winkt hier vielleicht der ganz große Deal? – Das fragt sich auf der anderen Seite der Grenze auch Heiner, ein ehemaliger NVA-Offizier. Liebevoll hat er seinen Panzer Martina wieder hochgepäppelt, um darin zukünftig gegen Cash alt gediente Kameraden und frisch begeisterte Touris durchs Gelände zu schaukeln. Der Heiner möchte die Fitschis lieber jetzt als gleich wieder los sein. Zumal’s ihm beim Zusammentreffen mit echten Vietnamesen schon mal in die Biografie gehagelt hat. Martina, seine Frau, ist damals mit der Tochter rüber in den Westen. Aber: Statt dass Jo die Lasterfuhre endlich hinbringt, wo sie hergekommen ist, jedenfalls wo sie hingehört, steht plötzlich auch noch Ela nebst Enkeltochter auf Heiners Panzerfeld rum. Und der verlauste angeschossene Wolf ist immer noch nicht krepiert.

Einigkeit und
Die Geschichte handelt von der Journalistin Helen Stiepel, die für ihr Lokalblatt nach Ungarn fährt, um über die Partnerstadt Kolösztemiskata zu berichten. Übersetzen darf ein gewisser Schorsch, der ihr so ziemlich alles an rassistischen Umtrieben im gegenwärtigen Ungarn zu zeigen scheint – nur eins macht er nicht: Er bringt sie nicht nach Kolösztemiskata. Parallel dazu gibt es die Geschichte von Max, Helens Sohn, der in einer Pflegestation für Demenzkranke bei einem seiner Patienten auf die Verbrechen der deutschen Polizei an den Sinti und Roma während des Nationalsozialismus stößt. Max findet einen sehr eigenwilligen Weg, mit dem in die Verbrechen verstrickten Patienten umzugehen. Vielleicht macht ihn die Beschäftigung mit dem Thema sensibel für die Reise seiner Mutter, die diese ausgerechnet in ein Land führt, in dem Neonazis ganze Roma-Dörfer besetzen. Er macht sich Sorgen um seine Mutter und folgt ihr. Wir haben es also mit einem Theaterstück zu tun, das sich mit der Diskriminierung der Sinti und Roma in der EU auseinander setzt.

– Auszug aus dem ausgewählten Stück Einigkeit und

ÁGNES
2008, am 4. November passierte er, der erste
Mord. Zwei Menschen in Nagycsécs, die im letzten,
allerletzten Haus der Siedlung lebten, wurden
erschossen. Drei Wochen lang stand in keiner
Zeitung eine andere Nachricht darüber als dass der
Hintergrund ein Kampf zwischen rivalisierenden
Roma wäre. Nach drei Wochen – als ich in der
Gegend war, kontaktierte ich die Überlebenden, ich
fragte die Menschen und ich schrieb einen
neutralen Artikel mit dem Titel: Menschenjagd in
Nagycsécs. Menschenjagd weil: das war es. Ich
schrieb über eine Frau – ihr Kind wurde stumm
geboren – und ihre Schwierigkeiten. Aufgrund ihrer
Tradition gaben sie das Kind nie in ein
Staatskrankenhaus… Aber sie ließen das Kind
aufwachsen und sie kümmerten sich und nahmen es
an, als Gottes Wille… Schorsch hat dir, bin ich
mir sicher, von der Situation in Tatarszentgyörgy
erzählt. Als am 23… Morgen… Der Jahrestag ist
morgen. Als am 23. Februar der 26 jährige Vater
und sein 5 jähriger Sohn getötet wurden, handelten
die Behörden unprofessionell: Die Feuerwehr sagte,
das Feuer wäre ausgebrochen, weil die Elektrik
nicht fachgerecht verlegt sei. (Das Haus war neu,
zwei Jahre zuvor gebaut, fachgerecht.) Der Arzt
sah nicht die die… die Einschusswunden. Die
Polizei fand die Kugeln nicht. Jeder, jeder machte
Fehler, Fehler, Fehler! Selbst die Roma hatten
geglaubt, dass es sich bloß um einen Konflikt
unter Roma handelte, und sie waren sich sicher,
dass diese Art von Angriff nicht ihnen gelten
konnte. Frag Koka Jenö aus Tiszalök! Natürlich
sprachen auch sie darüber, aber sie waren sich
sicher, dass dieser Art von Terror ihnen nicht
passieren konnte. Ihr Mann ging um 10 zur Arbeit.
Sie waren arbeitende, sehr hart arbeitende Leute.
Koka Jenö kam aus seinem eigenen Haus, im Garten
wurde auf ihn geschossen und er starb. Aus welchem
Grund? Derselbe. Und weißt du, was sich wirklich
schlecht anfühlt? Ich schrieb den Satz mit der
Menschenjagd. Weißt du wie er heute benutzt wird?
– Zigeunerjagd.

Schorsch und Helen am Matyas ter in Budapest.

SCHORSCH
Özvegy. Widdow. Witwe. Was kommt in deine Sinne,
wenn du das Wort Witwe vernimmst? Wenn ich es
erhöre, Witwe, dann denke ich an eine ältliche
Frau in Schwärze, Schwärze unter den Augen und
manchmal schmünzelt sie, weil es gibt sovieles,
was der Erinnerung würdig ist: Der Kinder Geburt,
wie sie aufwuchsen, die Spiele hinter dem Haus,
die guten wie die schlechten Tage, die Sommer, die
Winter, alles, alles, alles.

HELEN
Sie steht im 8. Bezirk in Budapest am Matyas ter
neben sich. Eben hat sie einer Bettlerin mit blau
geschlagenen Augen und zerrissenen Schuhen keine-
Ahnung-wieviel Geld in die Hand gedrückt. Und
jetzt steht da eine junge Frau, die Renata Csorba
heißt und schon Witwe sein soll.

SCHORSCH
Da siehst du das Bild von Robert ihrem Mann. Er
wurde 28 Jahre alt. Ihr Sohn nur vier. Die Witwe
entzündet die Kerzen.

HELEN
Ich weiß nicht, was ich hier mache. Mein
Übersetzer sagt, ich muss mit der Witwe reden, ich
muss mit einem Mann namens Sigo Jenö reden, und
mit dem Pfarrer einer methodistischen Kirche,
Bürgerrechtlern…

SCHORSCH
Geh hin, wartest du auf eine Postcard, in der
steht: Liebe Frau Stiepel, ich bin 27jährige
Özvegy, Widdow, Witwe, kommen Sie zu einem
Interview vorbei?

HELEN
Jetzt zündet sie die Kerzen vor dem Bild ihres
Sohnes an und ich krieg kein Wort heraus.

SCHORSCH
Es wird keine Postcard in der Hinsichtlichkeit
geben. Das ist dein Job, Ellen Stiepel, siehst du
hier andere Vertreterinnen medialer Aufmerksamkeit
aus dem westlichen Ausland? Hier ist keine
Politik, kein Prime-Minister veräußert sich,
nichtmal der Bürgermeister ist erschienen. Es ist
deine Journalistinnen-Chance ehe sie die Kerzen
ausblasen und alles wegräumen und du in deinem Zug
nach Deutschland sitzt und nicht mal eine
Geschichte von Kolösztemiskata schreiben kannst.

november 2015

Dirk Laucke has been invited at Théâtre Ouvert on November 2015 with his text “There’s not enough to go round”