Katharina Schlender

Nicht alles was man als Dramatiker denkt und ausdrücken möchte lässt sich in zu sprechende Sprache fassen. Zum Glück, denn wäre es anders, bräuchte es kein Theater mehr. Leben lässt sich nicht in Worte fassen. Zwischen den Worten, zwischen Dialogen, passiert das Erleben, das Fühlen.
Dieses Fühlen zwischen den Worten, dieses Erleben von Sprache, macht für mich Theater aus. Dabei versuche ich nicht der Sprache ein Gefühl zu geben, Sprache kommt nicht aus dem Bauch sondern aus dem Mund, welcher näher am Kopf liegt. Ich versuche dem Gefühl eine Sprache zu geben.

Katharina Schlender, geboren 1977 in Neubrandenburg. Seit dem Abschluss 2000 an der Universität der Künste Berlin (UdK) lebt sie als freie Autorin und Projektinitiatorin in Berlin. Sie schreibt Stücke für das Kinder-und Jugendtheater sowie auch für den Abendspielplan.  Hörspiele und Drehbücher gehören ebenso zu ihren Arbeiten.
Sie war Initiatorin und Veranstalterin des interaktiven Autorenprojektes PLUNDERN Alte Dinge – Neue Geschichten. Führte beim Stück steinrot&moosblau von Gerd Knappe Regie. War Gründungsmitglied der BattleAutoren, die die ersten frei und unabhängig vom öffentlichen Theaterbetrieb organisierten DramaTischTage in Berlin durchführten – ein Theaterautorenfestival zur Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Dramatik.
Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Preise. Auswahl: Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes für Wermut. Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg für Die Renatenente, außerdem auch für das Stück Plumpsack. Kleist-Förderpreis für junge Dramatik für Trutz.
Derzeit arbeitet sie an dem Text MENSCHER. Ein Stück Zirkus:
Das Spiel mit dem Menschenbild ist noch immer möglich. Egal wie sehr der Mensch auch vorgibt, etwas anderes zu sein und egal wie gut oder schlecht diese Selbstinszenierung ist, die Frage war schon vor den Social Media immer da: Wer bin ich und wer will ich sein?

SIE. DU. ICH. ELLEN.
oder DIE ANFÄNGERIN
Besetzung: 1F – 3F, ad libitum

ELLEN:
Sperrangelweit offen steh ich plötzlich in der Welt.
Wenn man die Muttersprache die man zu sprechen gelernt hat, nicht lesen oder schreiben kann, wie versteht man dann die Welt? Und wie kommuniziert die Welt mit so einer, einer Analphabethin?
Wenn man die Muttersprache die man zu sprechen gelernt hat, zwar lesen und schreiben kann, aber an einem Ort ist, wo niemand diese Sprache versteht, wie spricht man dann zu dieser Welt? Und wie kommuniziert die Welt mit so einem, einem Fremdling?
Die Frau hat Sehnsucht. Sie steht in ihrer Küche und putzt und kocht und kümmert sich. Sie verschmilzt mit den Gegenständen, sie wird die Arbeit, sie blickt sich entgegen aus Schüsseln und Töpfen. Sie muss weg. Mit Anfang vierzig. Wo bestellt sich eine solche namen- und schwerelose ein Glück? Ist es eine Reise oder ein Kurs in irgendwas? Sie fährt los. Kaum ein Gedanke, der sie mit der Familie verbindet. Unaufgeregt verschwindet sie in den Straßen Berlins (oder auch einer anderen Großstadt) verläuft sich, trifft auf einen Mann namens Fouzi. Der arbeitet in einem Dönerladen und sie versteht alles falsch. Oder richtig? Sie kennt sich nicht aus. Sie ist eine offene Seite zwischen Himmel und Rinnstein. Die Glückssucherin findet Arbeit, die sie nicht suchte, eine Bleibe, die nicht mehr ist als eine Bleibe. Eine von Tausenden, wird sie langsam und noch langsamer ein ICH und eine SIE. Und die fängt an zu sprechen.
Dieser Text steht noch zur Uraufführung frei.

DER ZUFRIEDENE
Besetzung: 2F, 4M, 1 Clown

Wo ist die Lücke im Hamsterrad? Im Hamsterrad der Glückssucher. Die Leistungsgesellschaft rennt und rennt. Ist es nicht schon viel zu spät? Wenn einer plötzlich nicht mehr rennt, wenn einer plötzlich stehen bleibt und dabei auch noch ganz zufrieden scheint, stolpert man über ihn, muss ausweichen. Wenn man zufrieden ist, gibt es keine Grenzen mehr. Nichts, was man noch bewältigen muss. Man bleibt stehen und löst sich von den Menschen, löst sich unter den Menschen auf. Wohin verschwindet man? Kein Mensch mehr? Noch kein Tier? Ein Dazwischen kann es nicht geben. Ein Zebra hat schwarze und weiße Streifen. Ein Dazwischen gibt es nicht.
Da steht Kurt Gromann. Ein ungetrübter, ja glücklicher Vertreter der neuen Unterschicht. Existenzminimum, Armutsgrenze und keine Aussicht nirgendwo. Kurt Gromann ist davon betroffen und müsste unglücklich saufend irgendwo die Parkbank hüten. Er ist doch weder arbeitsscheu, noch krank, noch phantasielos und steht trotzdem am äußersten Rand des Getriebes. Aber von ihm wird kein Eingeständnis einer Niederlage zu hören sein. Zukunftsängste quälen ihn nicht. Er ist zufrieden. Beharrlich entzieht er sich dem allgemeinen Streben und scheint sich irritierend wohl zu fühlen in seiner armen Haut. Diese Herzensruhe wird für seine Mitmenschen zum Ärgernis. Ehe er sie mit dem Keim der Bedürfnislosigkeit infizieren kann, wird Kurt Gromann Versuchsobjekt in einem Testlabor. Aber auch hier gelingt es nicht, diesen antiheldischen Provokateur zu einem Teil der Leistungsgesellschaft zu machen. Als die Angriffe auf seine Zufriedenheit unerträglich werden, verwandelt er sich vor aller Augen in ein zebraähnliches Geschöpf, schließt sich einer Herde an und verschwindet.