Kevin Rittberger-001

In meiner Arbeit als Theaterautor versuche ich die Verschiebung globaler Realitäten ins Auge zu fassen. In den Jahren der Finanzkrise um 2007 bin ich sehr viel gereist und habe die schwindende Zuversicht in das vermeintlich erfolgreiche westliche Demokratie- und Wirtschaftsmodell und zugleich den Optimismus und die Stärke sozialer Bewegungen allerorten erfahren. Mein Interesse gilt im großen Maßstab ökonomischen Verwerfungen, Migrationsbewegungen und dem Wandel kultureller Identitäten. Im kleinen Maßstab versuche ich den Versuch und das Scheitern solidarischer Beziehungsweisen zu betrachten. Mich faszinieren besonders, historisch wie gegenwärtig, Neuanfänge, gemeinsam anders zu leben. Die erstarkenden rechtspopulistischen und rechtsextremen Bewegungen, auch in meinem Land, haben die meisten meiner Arbeiten der letzten Jahre stark beeinflusst.

Geboren 1977 in Stuttgart. Lebt in Berlin als Autor, Regisseur und Kurator.
Studium der Neueren Deutschen Literatur sowie der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seine Inszenierungen und Uraufführungen wurden seit 2004 u.a. am Staatstheater Stuttgart, Schauspielhaus Wien, Düsseldorfer Schauspielhaus, Residenztheater München, Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Deutschen Theater Berlin und dem Schauspiel Frankfurt gezeigt.
2009 und 2014 war er Stipendiat des Deutschen Literaturfonds, 2010 erhielt Rittberger für seine Bearbeitung von Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“ – uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin – sowie die Inszenierung „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ nach Alexander Kluge – uraufgeführt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg – den Regiepreis der Akademie der Darstellenden Künste. Sein Drama „Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung“ wurde nominiert für die Mülheimer Theatertage 2011 und in fünf weitere Sprachen übersetzt. 2012 erhielt Rittberger den Jürger Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis.
Auf Einladung des Goethe Instituts konnte Rittberger 2013 einen längeren Rechercheaufenthalt in Chile realisieren sowie 2014 in Taiwan sein Stück „Mulian rescues Mother Earth“ beim Taipei Arts Festival selbst zur Uraufführung bringen.
Seit 2015 wissenschaftliche Publikationen sowie Lehraufträge an der August Everding Theaterakademie in München, der Hochschule der Künste in Zürich (ZHDK) sowie der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.

KASSANDRA oder die Welt als Ende der Vorstellung
Besetzung: ad libitum

An den südeuropäischen Küsten spielt sich ein alltägliches Drama ab: Halb verdurstete Geflüchtete aus Afrika stranden in völlig überladenen Booten, in der Hoffnung, in Europa ein würdevolles Leben führen zu können. Viele haben eine jahrelange Odyssee hinter sich, nur um gleich wieder zurückgeschickt zu werden. Dabei haben sie noch Glück gehabt, denn sie leben noch. Die Zahl der Namenlosen, die sich von den Warnungen nicht aufhalten lassen und unterwegs qualvoll sterben, kennt niemand. Davon handelt KASSANDRA ODER DIE WELT ALS ENDE DER VORSTELLUNG. Und zugleich handelt das Stück von der Schwierigkeit, diesem Thema als Europäer gerecht zu werden. Wie schreibt man darüber, wie berichtet man? Was weiß man überhaupt? Und was will man wissen? Kevin Rittberger sucht in seinem Stück die Antwort im Wechsel von Perspektiven und Erzählformen: Es gibt ein Brecht’sches Lehrstück über die bewegenden Umstände einer Flucht, verbürgte Interviews und fiktive Verhöre; und es gibt die Geschichte zweier Journalisten und einer Übersetzerin, die im Ringen um einen „neuen Blick“ an ihre eigenen äußersten Grenzen gehen.

PUPPEN
Besetzung: 2F, 3M

PUPPEN ist ein surrealer, polyphoner Stimmköper, in dem neben dem Klandestino auftreten: Die Frau, die vom Schwindel überfallen wird, die Frisörin, die vollständig von der Sonne verbrannt ist, der Fleischer, der hinter der Auslage steht auch ohne Fleisch, und der Chor, der die Arbeit abschafft. In neun Szenen finden sich absurde, windschiefe und fragmentierte Dialoge wieder, die frei von jedem Sozialrealismus sind und doch analytisch geschärft: Eine grotesk durchlüftete Bestandsaufnahme gesellschaftlich-ökonomischer Verhältnisse. Eine Einladung an Tanz- und Musiktheater.