Lukas Bärfuss

 

Obwohl es mit erfundenen Elementen arbeitet, ist das Theater selbst nicht fiktiv. Theater ist eine Tatsache, es findet statt. Im Gegensatz zu jeder anderen Kunstform wird das Geschehen zum Ereignis. Was zu Boden fällt, ist zu Boden gefallen, und eine Stille wird im Theater immer eine Stille bleiben. Der Raum des Theaters besitzt gleichzeitig eine physikalische wie imaginative Ausdehnung. Und trifft damit eine Bedingung des Menschen, der Bewohner zweier Welten ist, jener, die die ist, und jener, die sein könnte.

Lukas Bärfuss Ich bin am 30. Dezember 1971 in Thun geboren. Nach der Schule arbeitete ich als Tabakbauer, als Gabelstaplerfahrer, Eisenleger und Buchhändler. Seit 1997 arbeite ich als freier Schriftsteller. Gemeinsam mit Samuel Schwarz gründete ich 1998 die Theatergruppe „400asa“. Ich habe Literatur- und Theater-Workshops in verschiedenen Ländern und Kontinenten geleitet und an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg , am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und an der Freien Universität Berlin unterrichtet. Zwischen 2008 und 2013 arbeitete ich als Dramaturg am Schauspielhaus Zürich, wo ich den Spielplan entwarf, Produktionen betreute und Diskussionen konzipierte, organisierte und moderierte. Ich lebe mit meiner Partnerin und unseren drei Kindern in Zürich.

Theaterstücke
2013 / Die schwarze Halle; UA: Mai 2013, Schauspielhaus Zürich
2012 / Zwanzigtausend Seiten; UA: Februar 2012, Schauspielhaus Zürich
2010 / Malaga; UA: Mai 2010, Schauspielhaus Zürich
2010 / Parzival, Schauspiel nach Wolfram von Eschenbach; UA: Januar 2010, Staatstheater Hannover
2009 / Öl; UA: September 2009, Deutsches Theater Berlin
2009 / Amygdala; UA: Mai 2009, Thalia Theater Hamburg
2007 / Die Probe (Der brave Simon Korach); UA: Februar 2007, Münchner Kammerspiele
2005 / Alices Reise in die Schweiz; UA: März 2005, Theater Basel
2005 / Der Bus (Das Zeug einer Heiligen); UA: Januar 2005, Thalia Theater Hamburg
2004 / König Heinrich der Vierte, nach William Shakespeare; UA: Mai 2004, Schauspielhaus Bochum
2003 / Die sexuellen Neurosen unserer Eltern; UA: Februar 2003, Theater Basel
2002 / Vier Bilder der Liebe; UA: September 2002, Schauspielhaus Bochum
2002 / august02, Nationalulk; UA: August 2002, Landesausstellung Expo.02 Arteplage Biel-Bienne
2001 / Othello, Kurze Fassung; UA: Dezember 2001, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
2001 / Meienbergs Tod, Groteske; UA: April 2001, Theater Basel
2001 / Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde; UA: Januar 2001, Schauspielhaus Bochum
2000 / Medeää. 214 Bildbeschreibungen; UA: Juni 2000, Radiokulturhaus Wien im Rahmen der Wiener Festwochen
2002 / Vier Frauen, Singspiel; UA: Mai 2002, Schlachthaus Theater Bern
2000 / 74 Sekunden, Monolog; UA: März 2000, Blauer Saal Zürich
2000 / Siebzehn Uhr siebzehn, Schauspiel; UA: Januar 2000, Akademie Theater Zürich
1998 / Sophokles‘ Oedipus; UA: August 1998, Escher-Wyss-Unterführung Zürich

 

Malaga
Vera und Michael stehen kurz vor der Scheidung. Keine gute Voraussetzung für eine Diskussion, wer sich am bevorstehenden Wochenende um ihre siebenjährige Tochter Rebekka kümmern soll. Michael, der eigentlich an der Reihe wäre, muss zu einem wichtigen Ohrenheilkunde-Kongress nach Innsbruck, und Vera will mit ihrem neuen Liebhaber Paul für ein Wochenende nach Malaga. Die Babysitterin, die sich eigentlich um die Tochter kümmern sollte, ist erkrankt, aber Vera hat für Ersatz gesorgt: Alex, der 19-jährige Sohn einer entfernten Bekannten von Vera und angehender Filmstudent in New York, wird auf Rebekka aufpassen – eine Tatsache, die Michael nur schwer akzeptieren kann, doch auch er sieht keine andere Möglichkeit. Letzten Endes verreisen Vera und Michael. Doch als die beiden nach drei Tagen zurückkommen, ist Rebekka verschwunden. Ein Unglück ist passiert: sie liegt schwerverletzt im Krankenhaus.

– Auszug aus dem ausgewählten Stück Malaga

Mittwoch, sechzehn Uhr.

Vera Maria ist krank.
Michael Nein.
Vera Sie wird dieses Wochenende nicht nach Rebekka schauen können.
Michael Oh Gott, bitte nicht.
Vera Beruhige dich.
Michael Das nicht, bitte nicht jetzt.
Vera Alex kann kommen.
Michael Wie. Das heisst, es ist alles geregelt.
Vera Ich habe alles geregelt.
Michael Und warum sagst du das nicht gleich.
Vera Bitte.
Michael Warum beginnst du mit einer Katastrophenmeldung –
Vera Also –
Michael – um mir dann, nach einer höchst kunstvollen Pause mitzuteilen, dass es überhaupt keine Katastrophe und alles geregelt sei.
Vera Michael.
Michael Du hast mich voller Absicht in diesen Abgrund blicken lassen –
Vera Wie habt ihr eigentlich –
Michael – warum tust du –
Vera – wie war euer –
Michael – das ist boshaft.
Vera Ist etwas passiert.
Michael Was soll passiert sein.
Vera Rebekka sitzt in ihrem Zimmer und ist beleidigt.
Michael Dazu hat sie nun allerdings keinen Grund.
Vera Wie war euer Nachmittag.
Michael Du weisst, dass wir ins Schwimmbad wollten.
Vera Aber.
Michael Rebekka hatte keinen Schwimmanzug.
Vera Ich habe alles bereitgelegt.
Michael Wenn du dieses fliederfarbene Nichts meinst, diesen
Stofffetzen, tut mir leid, aber das ist kein Schwimmanzug. Nicht für eine Siebenjährige.
Vera Sie hat ihn sich selbst ausgesucht.
Michael Und ich frage mich, was da schiefgelaufen ist.
Vera Sie entdeckt gerade –
Michael Was in der Erziehung schiefgelaufen ist.
Vera Sie entwickelt ihren eigenen Stil.
Michael Ein siebenjähriges Mädchen braucht keinen eigenen Stil.
Vera Ihr ward also nicht schwimmen.
Michael Wir waren im medizinhistorischen Museum.
Vera Ich bitte dich.
Michael Was. Die Moulagensammlung hat Weltgeltung.
Vera Da wäre ich auch schlecht gelaunt.
Michael Jedenfalls muss man sie Freitagmittag aus der Schule holen.
Sag das dem Babysitter.
Vera Ich weiss nicht, ob Alex da Zeit hat.
Michael Aber es war klar, dass –
Vera Du holst sie Freitag immer ab.
Michael Aber nicht diesen Freitag. Mein Zug nach Innsbruck geht um elf.
Vera Klär du das mit ihm. Ich gebe dir seine Nummer.
Michael Mit wem soll ich das klären.
Vera Frag ihn, ob er schon um elf kann.
Michael Ihn.
Vera Alex, Herrgott.
Michael Wer zum Teufel ist Alex.
Vera Alex Horn. Chantals Sohn.
Michael Und warum soll ich das mit ihm besprechen.
Vera Weil er Rebekka betreut, natürlich.
Michael Ich dachte, Alex sei ein Mädchen.
Vera Alex Horn. Ein Mädchen.
Michael Ich weiss, dass Alex Horn kein Mädchen ist, ich dachte,
Alex, die Rebekka betreut, sei ein Mädchen.
Vera Was für ein Mädchen.
Michael Was weiss ich, ein Mädchen wie Maria.
Vera Alex ist ein Mann.
Michael Das ist natürlich ganz ausgeschlossen.
Vera Dass er ein Mann ist.
Michael Diesem Kerl meine Tochter ein ganzes Wochenende zu
überlassen, das ist ausgeschlossen.
Vera Alex ist neunzehn und sehr zuverlässig.
Michael Neunzehn und zuverlässig, das schliesst sich gegenseitig aus.
Vera Und Maria. Sie ist keine siebzehn.
Michael Aber sie ist kein Mann.
Vera Soll das heissen, dass nur Frauen Kinder betreuen –
Michael Das soll nur heissen, dass ich Rebekka unter keinen
Umständen einem mir nicht näher bekannten Burschen überlassen werde.
Vera Das ist kein Bursche.
Michael Ein neunzehnjähriges männliches Wesen nennt man in
meiner Sprache Bursche.
Vera Und es schadet nicht, wenn unsere Tochter ein männliches
Wesen als Bezugsperson –
Michael Sie hat eine männliche Bezugsperson.
Vera Die leider kaum da ist.
Michael Also, das ist. War das, war diese ganze, diese Scheisse, war
das vielleicht etwa meine Idee.
Vera Nur, weil du ausgezogen –
Michael Ausgezogen. Ich bin nicht ausgezogen –
Vera – bist du von deinen väterlichen Pflichten nicht –
Michael – du hast mich rausgeschmissen –
Vera Ich habe keine Zeit –
Michael Auf die Strasse gestellt. An einem Montagmorgen –
Vera – um mit meinem Ex- Mann –
Michael Noch sind wir nicht geschieden, Vera –
Vera – um mit meinem zukünftigen Ex-Mann –
Michael Du willst das also bis zum bitteren Ende –
Vera Für mich ist es ein Anfang.
Michael Ach, das alte Lied. Nach acht Jahren im Kerker der Ehe die
Freiheit erkämpft.
Vera Es tut mir leid, dass du nicht weiter bist.