Philipp Löhle

Antwort auf die Frage: Warum schreibst du?

Die Frage müsste lauten: Warum schreibst du fürs Theater? Ich finde, dass sich das Schreiben fürs Theater kolossal von allem anderen Schreiben unterscheidet. Der Theaterautor produziert Unfertigkeit. Sein Schreiben ist lediglich ein Angebot, ein Anstoß, ein Ausgangspunkt. Erst wenn jemand den Text laut spricht und ihn schließlich jemand hört, wird daraus Theater. Diese Umstände bieten für mich die beste Möglichkeit zu schreiben. Und Schreiben heißt für mich Fragen zu stellen, ohne Antworten zu geben.

Fabulamundi involved Philipp Löhle in activities in Turin and in Rome.

Philipp Löhle, geboren 1978 in Ravensburg. Studium der Geschichte, Theater- und Medienwissenschaft und deutschen Literatur in Erlangen und Rom. Erste Theaterstücke entstanden noch während des Studiums. Außerdem journalistische und filmische Arbeiten (Kurzfilme, Dokumentarfilme, Praktika).
Für Genannt Gospodin wurde der Autor mit dem Förderpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ausgezeichnet. 2007 gewann Philipp Löhle den Werkauftrag des Theatertreffen-Stückemarktes, gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung. Lilly Link wurde 2008 mit den Jurypreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Für Genannt Gospodin wurde er 2008 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, 2012 war er zum zweiten Mal nominiert und gewann für Das Ding den Publikumspreis. 
Philipp Löhle war Hausautor am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Nationaltheater Mannheim und am Staatstheater Mainz. In der Spielzeit 2013/2014 ist er Hausautor am KonzertTheater Bern.

Theaterstücke
2011 / Das Ding;
UA: 14.05.2011, Deutsches Schauspielhaus Hamburg in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen
2012 / Der Wind macht das Fähnchen Ein Einfamilienstück; UA: 20.01.2012, Theater Bonn
2008 / Die Kaperer; UA: 20.03.2008, Schauspielhaus Wien
2009 / Die Rattenfalle, empfohlen ab 10 Jahre; UA: Februar 2009, Theater Aalen
2009 / Die Unsicherheit der Sachlage; UA: Mai 2009, Schauspielhaus Bochum
2010 / Die Überflüssigen; UA: 28.05.2010, Maxim Gorki Theater Berlin
2007 / Genannt Gospodin; UA: 28.10.2007, Schauspielhaus Bochum
Herr Weber und andere
2005 / Kauf-Land; UA: 14.04.2005, Theater Erlangen
2008 / Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev… ; UA: 07.11.2008, Theater Heidelberg
2009 / Morgen ist auch noch ein Tag; UA: 23.01.2009, Theater Baden-Baden
2013 / Nullen und Einsen; UA: 19.01.2013, Staatstheater Mainz
2011 / supernova (wie gold entsteht); UA: 15.01.2011, Nationaltheater Mannheim

Die Unsicherheit der Sachlage
Jule hat sich von ihm getrennt und seine Freunde Björn und Robert sind ihm auch keine wirkliche Hilfe. So landet Jan C. Schmidt mit seinem Koffer auf der Straße. Aber weil Jan C. Schmidt ein schreibender Mensch ist, versucht er, aus der Not eine Tugend und aus der Unsicherheit seiner Sachlage eine Story zu machen. Als moderner Stadtnomade beobachtet er seine Stadt, erfährt sie am eigenen Leib, wird zu ihrem Kommentator. Und bald kann er Unglaubliches berichten von der Stadt, die sich nicht kennt, der Stadt, die brennt. Aus den einzelnen Vorfällen von alltäglicher Gewalt, Krankheit und Tod fügt sich ein Bild allumfassender Bedrohung. Geht etwa die Gefahr vom Beobachter selbst aus? Nebenbei erklärt uns ein älterer Herr, wie die Wirklichkeit angemessen zu beobachten und aufzuzeichnen ist – und erhöht damit vielleicht nicht die Unsicherheit, mindestens aber die Rätselhaftigkeit der Sachlage. Philipp Löhles Stück handelt vom Streben nach einer sicheren Welt, das schon an der Unzulänglichkeit ihrer Interpretation scheitert. Wäre die perfekte Überwachung die rettende Alternative zur individuellen Sicht auf die Dinge? Oder enthüllt sich nicht unweigerlich die ebenso komische wie tödliche Welt dem visionären Betrachter?

(Besetzung: mindestens 4 Personen) 1 Dame, 4 Herren

– Auszug aus dem ausgewählten Stück Die Unsicherheit der Sachlage

Szene 11: Mit Björn auf ein Bier
Jan: Björn.
Björn: Ja.
Jan: Björn.
Björn: Ja.
Jan: Björn.
Björn: Jan!
Jan: Es ist einfach eine ganz andere Perspektive. Jetzt wird mir erst alles mal klar. Wie ein Schleier, der mir von den Augen weggezogen wurde. Wie wenn der Fensterputzer da war oder wie wenn man gar keine Fenster hat.
Björn: Kannst schon… Die Couch… Musst ja nicht.
Jan umarmt Björn.
Jan: Ist total nett. Wirklich, aber es ist ja auch Sommer. Und der Sternenhimmel. Es ist toll.
Björn: Robert schläft auch so gerne aufm Balkon im Sommer. Ich werde da immer ganz verstochen. Muss an meinem Blut liegen. Oder an meiner Buttersäure.
Jan: Björn.
Björn: Ja.
Jan: Björn.
Björn: Ja.
Jan: Björn.
Björn: Jan!
Jan: Der Mensch muss nach draußen. Man braucht das. Dieses Durchatmen und die frische Luft und dieses… Universum. Ich habe plötzlich das ganze Universum vor mir. Es ist alles viel weiter, viel offener. Wir haben ja gar keine Ahnung. Wir sitzen jeden Abend zuhause vor der Glotze und lassen uns erklären, wie die Welt angeblich läuft, aber so ist es doch gar nicht. Das ist doch ein Konstrukt vom Fernsehen und der Werbung und Günther Jauch und so. Das stimmt doch alles gar nicht.
Björn: Na ja. Aber die Nachrichten. Tagesthemen jedenfalls. Heute Journal ist auch nicht mehr so. Die Privaten kannste vergessen. Große Titten, Emotionen, aber im Ersten, also Rundfunkgebühren sind für so was da, der Bildungsauftrag, klar, Wahrheitsgehalt, nicht prüfbar, sind wir die Opfer der Propaganda für Objektive Nachrichten? Da platzt der Kopf, wenn man drüber nachdenkt…

Jan: Nachrichten. Das ist Quatsch. Du hast die ganze Welt vor dir. Wie in einem Brennglas. Aber das merken wir gar nicht. Wir merken gar nicht mehr, wie wahnsinnig die Welt geworden ist, in der wir leben.
Björn: Och.
Jan: Die Nachrichten zeigen uns nur weit entlegene Kampfplätze. Das ist auch schlimm, aber wir vergessen dabei, was vor unserer Haustür passiert. Zum Beispiel war ich heute Morgen an der Kreuzung beim Schlossturm. Ich habe mich da einfach hingestellt und den Verkehr beobachtet.
Björn: Du musst Zeit haben.
Jan: Wie die da rumgeschrien haben. Nur weil ich da stand. Wahnsinn. Arschloch. Penner. Ist dein Vater Glaser. Lauter so Sachen. Unglaublich. Und es sind sieben Mal Autos ineinander gefahren. Und was sich da für Aggressionen freisetzen, wenn zwei Leute sich mit ihren Autos berühren.
Björn: Die psychischen und physischen Vorteile der Vollkaskoversicherung liegen auch darin, dass es zu einem entspannteren, sorgenloseren Wagenlenken führt. Mit Pulsmesser ausgestattete Probanden ohne und mit Vollkaskoversicherung lieferten deutlich unterscheidbare Ergebnisse. Das Herzinfarktrisiko bei Nicht-Vollkasko-Versicherten ist drei Mal höher. Nachzulesen in Auto-Science Oktoberausgabe.
Jan: Die sind alle verrückt. Das glaubst du nicht. Und die haben mich angeschrien. Wegen ‘ner Stoßstange schreien die jemanden an, der am Weg steht. Das ist doch Wahnsinn. Und ich habe natürlich auch noch gegrinst wie Mona Lisa. Das war sicher nicht ganz richtig. Aber die wussten ja nicht, was ich denke.
Björn: Die Nachteile der Vollkaskoversicherung sind eigentlich nur finanziell.

Jan: Habe ich eigentlich mein Messer bei euch liegenlassen?
Björn: Also ich habe nix gefunden.
Jan: Die Bäckereien stellen nachts die Sachen, die sie nicht verkauft haben, auf die Straße, weil das wieder zurückgeht. Und da habe ich mir ein Brot genommen, aber ich konnte es nicht schneiden, weil ich mein Messer nicht mehr habe.
Björn: Du kannst das Brot brechen.
Jan: Das landet sonst im Müll. Da kann ich es auch essen. In New York gibt es ganze Gruppen, die nur von Resten leben. Die machen daraus kleine Buffets. Da kann jeder umsonst mitessen. Und alles noch gut. Nur paar Tage abgelaufen.
Björn: Und wo schläfst du jetzt diese Nacht? Schläfst du immer im Park?
Jan: Ne. In der Naumannstraße ist so ‘ne Wiese… Unbebautes Grundstück.
Björn: Du bist wie ein Heimatfilm. Da schlafen die auch immer auf ‘ner Wiese.
Jan: Ist das nicht romantisch?
Szene 12: Jan spricht in sein Diktiergerät und nennt es Arbeit
Jan: UNS FEHLT DOCH ALLEN DER WEITBLICK. WIR TICKEN WIE MÄUSE IN EINEM KARTON. AM ABEND FLACKERN IN ALLEN WOHNZIMMERN DIE FERNSEHER UND DIE GEHIRNE SIND AUS. UND ICH? ICH BIN HEUTE AUF EINEN BAUM GEKLETTERT. WANN SIND SIE DENN DAS LETZTE MAL AUF EINEN BAUM GEKLETTERT? DAS MÖCHTE ICH MAL WISSEN. WISSEN SIE ÜBERHAUPT NOCH, WIE RINDE RIECHT? ERINNERN SIE SICH NOCH DARAN, DASS MAN FRÜHER SEINE LIEBE IN EINEN BAUM GERITZT HAT? SCHREIBEN SIE ‘NEM BAUM MAL ‘NE E-MAIL.