Rebekka Kricheldorf

Warum schreibe ich? Eine seltsame Frage, auf die es nur eine schlüssige Antwort gibt: Warum nicht?
Die Selbstbeschreibung ist meine Sache nicht, deshalb greife ich für die Erklärung meiner Stücke gern auf von Anderen verwendete Begriffe zurück, Begriffe wie schwarze Komödie, Farce oder Groteske, in denen ich mich durchaus wiederfinden kann. Betrachte ich meine Stücke der letzten zehn Jahre, so scheinen mich thematisch vor allem die begrenzen Befreiungsmöglichkeiten des Individuums aus dem Gesellschaftsgefüge, die Prägungen durch soziale Vorbedingungen und zum Scheitern verurteilte Akte der Verweigerung zu interessieren.

Fabulamundi involved Rebekka Kricheldorf in activities in Rome, in Milan and in Pont à Mousson.

Rebekka Kricheldorf, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, lebt in Berlin. Nach dem Abitur studierte sie Romanistik an der Humboldt Universität Berlin (1995-1997) und anschließend ‚Szenisches Schreiben’ an der Hochschule der Künste Berlin (1998-2002). 1999 arbeitete sie als Praktikantin am Theater Lüneburg und 2004 als Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. Von 2009 bis 2011 war sie Dramaturgin und Hausautorin am Theaterhaus Jena.

Theaterstücke

2002 / Schade dass sie eine Hure war, von John Ford (`Tis Pity She´s A Whore); 2002, Übersetzung im Auftrag des Theaters am Neumarkt, Zürich
2003 / Prinzessin Nicoletta, 2002; UA: 2003, Stadttheater Gießen
2003 / Kriegerfleisch; UA: 2003, Städtische Bühnen Münster
2004 / Floreana; UA: 2004, Auftragsarbeit für das Theater am Neumarkt, Zürich
2005 / Die Ballade Vom Nadelbaumkiller; UA: 2005, Auftragsarbeit für das Staatstheater Stuttgart
2005 / Schneckenportrait; UA: 2005, Theater Osnabrück
2006 / Rosa Und Blanca; UA: 2006, Auftragsarbeit für das Staatstheater Kassel
2006 / Landors Phantomtod; UA: 2006, Auftragsarbeit für das Nationaltheater Mannheim
2006 / Hotel Disparu, Gemeinschaftsarbeit mit den Regisseuren Erich Sidler und Ingo Kerkhof; UA: 2006, Theater am Neumarkt, Zürich / Sophiensäle Berlin
2007 / Weisse Teufel, von John Webster, 2007; Übersetzung und Bearbeitung für das Theater Bonn
2007 / Neues Glück Mit Totem Model; UA: 2007, Auftragsarbeit für das Staatsschauspiel Dresden
2009 / Der Kopf Des Biografen; UA: 2009, Auftragsarbeit für das Theater Osnabrück
2009 / Das Ding Aus Dem Meer; UA: 2009, Auftragsarbeit für das Staatstheater Kassel
2009 / Mechanische Tiere; UA: 2009, Auftragsarbeit für das Stadttheater Bern
2009 / Villa Dolorosa; UA: Oktober 2009, Auftragsarbeit für das Theaterhaus Jena
2009 / Ein Sommernachtstraum von William Shakespeare; DE: 2009, Übersetzung und Bearbeitung für das Staatstheater Kassel
2010 / Robert Redfords Hände Selig; UA: 2010, Auftragsarbeit für das Staatstheater Kassel
2010 / Gotham City I – Das Stück; UA: 2010, Theaterhaus Jena
2011 / Murder Ballads; UA: 2011, Stadttheater Bern
2011 / Gotham City II – Der Film; UA: 2011, Theaterhaus Jena
2011 / Gotham City III – Das Musical; UA: 2011, Theaterhaus Jena
2012 / Der Grosse Gatsby von Scott F. Fitzgerald; UA: 2012, Romanbearbeitung für das Schauspielhaus Hamburg
2012 / Testosteron; UA: 2012, Auftragsarbeit für das Staatstheater Kassel
2013 / Lysistrata von Aristophanes; UA: 2013, Bearbeitung für das Theater Osnabrück
2013 / Das Kalte Herz von Wilhelm Hauff; UA: 2013, Bearbeitung für das Staatstheater Saarbrücken

Demnächst:
2013 / Sergeant Superpower Rettet Amerika; UA: 12.10.2013, Auftragsarbeit für das Theater Heidelberg,
2014 / Alltag & Ekstase, UA: 17.01.2014, Auftragsarbeit für das Deutsche Theater Berlin

Villa Dolorosa. Drei missratene Geburtstage
frei nach Tschechows „Drei Schwestern“

Synopsis: Irina feiert Geburtstag. Ein rauschendes Fest mit Tanz und vielen Gästen soll es werden. Doch Irina ist angeödet, die wenigen, die gekommen sind, sitzen auf dem Boden rum und Bruder Andrej hat seine neue, bereits schwangere Freundin mitgebracht. Auch Irinas Schwestern Olga und Mascha tragen nicht gerade zur Erheiterung bei: Mascha ist gefangen in einer lieblosen Ehe und verguckt sich prompt in Andrejs einzigen, verheirateten Freund Georg. Olga ist die Alleinverdienerin des Quartetts und muss die ganze Familie über Wasser halten. Denn das Erbe der Eltern ist längst zum Fenster hinausgeworfen und die Familienvilla marode. Doch Irina liegt davon unbeeindruckt im Bett und denkt über eine weitere Verlängerung ihres Studiums nach, obwohl sie sich noch nicht so recht fürs nächste Studienfach entscheiden kann. Auch in den beiden Folgejahren scheitert die traditionelle Geburtstagsfeier: an einer neuen Schwangerschaft, einer Affäre, Selbstmordversuchen, Schulden, Arbeits- und Perspektivlosigkeit – oder einfach an der falschen Musik und gar nicht erst eingeladenen Gästen. Der Zusammenhalt der Geschwister wird auf die Probe gestellt und am Ende bleibt die Frage: Brauche ich einen Plan B für mein Leben? Oder doch reicht auch eine Therapie?

4 Damen, 2 Herren

– Auszug aus dem ausgewählten Stück Villa Dolorosa. Drei missratene Geburtstage

IRINA Die gesamte Geisteswissenschaft ist höchst dubios.
MASCHA Dieses ganze Rumstudiere ist höchst dubios. Und hat mit Arbeit rein gar nichts zu tun. Geistige Arbeit ist überhaupt keine Arbeit. Arbeit ist Schweiß und Brotebacken, nur körperliche Arbeit ist echte Arbeit, und wer den Kontakt zu ihr verliert, wird krank. Deswegen sind wir alle so larmoyant, gefühlsduselig und psychisch labil, weil wir den Kontakt zur Scholle verloren haben.
ANDREJ Na, lang hast du’s im Café am Ufer ja nicht ausgehalten, was?
MASCHA Ich wollte einfach was tun. Irgendwas. Unter Leute kommen. Da hab ich das erstbeste genommen, was mir unter kam.
ANDREJ Schnapsidee.
MASCHA Es war die Hölle. Aber man muss doch arbeiten!
GEORG Man versucht halt mal was, was völlig daneben ist und bevor man merkt wie eklatant daneben es ist, ist man schon mittendrin und findet auch wieder raus, oder auch nicht, je nach dem. Was zählt, ist der Versuch, oder auch nicht, je nach dem.
MASCHA In der Boutique Jessica suchen sie eine Verkäuferin. Ich glaub da bewerb ich mich mal.
ANDREJ Schnapsidee. Schnapsidee. Schnapsidee.
IRINA So ein Schwachsinn, Mascha. Studier lieber was. Bilde dich.
MASCHA Bildung behindert. Sieht man gut an dir. Mehr Kontakt zur Scholle. Ich pflanz im Frühling Tomaten auf dem Balkon. Und Gurken. Und Salbei. Und Basilikum. Kannst du das überhaupt auseinanderhalten, Salbei und Basilikum?
GEORG Früher wollte ich Geschichte studieren, jetzt bin ich Leiter einer Verpackungsfirma.
Für Umkehr ist es zu spät. Jeden Tag, mit diesen geistlosen Kollegen. Ihr habt noch euer Leben vor euch, ihr könnt noch was bewirken.
MASCHA Na toll. Fünfundzwanzig und schon verlernt zu leben. Was soll ich tun? Ich kann nichts, habe keinerlei Interessen, lass mich von meinem Mann durchfüttern wie eine bürgerliches Weib des neunzehnten Jahrhunderts. Arm.
IRINA Du solltest mehr ausgehen. Wir könnten ja mal wieder ausgehen.
MASCHA Ausgehen? Und lauter Leute treffen, die mir lauter öde Geschichten aus ihren öden kleinen Leben erzählen? Nein danke. So viel Elend halte ich nicht aus.
IRINA Herrgott Mascha. Dann bleib halt zu hause und lies was.
MASCHA Lesen? Ich will leben! Lesen kann ich immer noch, wenn ich zu alt zum Leben bin. Das Leben hört auf, sobald man ein Buch aufgeklappt hat, und setzt dann nahtlos wieder ein, wenn es zugeklappt ist. Lesende sind Scheintote. Wer liest, lebt nicht, wer lebt, liest nicht. Nur Tote lesen. Lebende, die lesen, tun nur so, als ob sie läsen oder lebten. Lesen ersetzt Leben. Lesen und Leben ist wie Atmen und Luftanhalten. Ein guter Leser ist ein schlechter Leber. Und andersrum.
Irina stöhnt.
MASCHA Du machst doch auch nichts. Den ganzen Tag: Nichts.
IRINA Ich denke nach. Du denkst ja nichts.
MASCHA Und was denkst du denn so Tolles? Gar nichts.
IRINA Doch! Heute morgen hab ich zum Bespiel gedacht: Der Mensch ist kein Affe. Gut, vielleicht sind alle um mich herum Affen, aber ich nicht. Gut, vielleicht bin auch ich ein Affe, aber ich bin der dysfunktionale Sonderaffe, der sich aus allem raushalten kann. Aus der albernen Schlacht um Status, Sexyness und Ansehen. Ich harre aus, bis ich hier rauskomme und begebe mich an einen Ort, wo alle so denken wie ich. Wir gründen eine Subgruppe aus Sonderaffen, in der sich bald eine Hierarchie einschleicht. Die Sonderaffen der Sonderaffen halten es nicht aus, begehen Fahnenflucht und gründen die Subsubgruppe der Sonderaffen der Sonderaffen. Wieder: Hierarchie. Die sonderbarsten der Sonderaffen der Sonderaffen sondern sich aus. Wohin? Das ist die Frage.
GEORG Fluchtweg verschimmelt. So hieß eine Punk- Band in den Achtzigern.
IRINA Zur guten alten D-Mark-Zeit.
ANDREJ Als die Feindbilder noch auf den Bäumen wuchsen.
MASCHA Brillant. Du bist im fünfundzwanzigsten Semester und denkst darüber nach, ob du so elitär bist, dass du selbst für die Elite der Elite zu elitär sein könntest.
IRINA Ich hab kein Wort von Elite gesagt.
MASCHA Die Uni macht blöd.
ANDREJ Wenn sie wenigstens hinginge. Aber die hängt ja bloß rum.

 

october 2015

The Rebekka Kricheldorf text „Villa Dolorosa“ has become a show in Italy.

The Rebekka Kricheldorf text „Villa Dolorosa“, first made known in Italy thanks to Fabulamundi, has become a show.
Directed by Roberto Rustioni, it has been shown at Teatro Vascello of Rome from 6 to 13 october 2015.