Rolf Kemnitzer

Ich versuche, meinen Stoffen nicht im Weg zu stehen. Ich befrage sie vor allem nach ihrer Notwendigkeit, bevor ich ihnen Raum gebe. Viele meiner Szenen haben einen totkomischen Irrsinn. In ihnen herrscht ein Schrecken, der Gelächter provoziert. Häufig stehen Figuren im Mittelpunkt, die sich der Normalität verweigern oder auf der Suche sind nach Normalität. Schräge Vögel, die vom Fliegen träumen. Sie sind nicht von dieser Welt und kämpfen dennoch um einen Platz oder wenigstens um Orientierung. Nichts ist ihnen sicher. Nicht einmal sie selbst. Diese Helden sind nicht „lost“, denn wer verloren ist, muß ja einmal irgendwo aufgehoben gewesen sein. Sie sind „postlost“. Häufig finde ich in meinen Szenen etwas Märchenhaftes. Verwandlungen, die etwas Wunderbares haben. Diese Seite ist es, die mich selbst am meisten an meiner Arbeit interessiert.

Rolf Kemnitzer, geboren 1964 in Langenfeld/Bayern. Regiestudium an der Theaterakademie Ulm. Er arbeitete als Schauspieler und Regisseur in Anklam, Bautzen und Rom, bevor er in Berlin die Jugendtheatergruppe »Die verstörten Wunschkinder« leitete, zusammen mit Adrian Kennedy »The Too Late Nite Show« erfand (heute als »Rolf und Adrian« u.a. auf der Couch unterwegs) und anfing Stücke zu schreiben. Mit der HERZSCHRITTMACHERIN, einer Liebesgeschichte zwischen todesresistenter Großmutter und lebensgefährdetem Enkel, wurde er bekannt. Mittlerweile Autor von einem halben Dutzend weiteren Stücken, macht er sich laut stark für einen verantwortungsvolleren Umgang der Theater mit den Autoren: mit gleichgesinnten »Battleautoren« verfasste er unter der Maxime »Uns pflegen heißt euch pflegen« die »10 Wünsche für ein künftiges Autorentheater«, gründete DramaTisch, den wohl ersten Dramatiker-Stammtisch der Literaturgeschichte, und rief das Autorenfestival DramaTischTage ins Leben. Rolf Kemnitzer lebt und arbeitet in Berlin.

Das Geschrei der Gartenzwerge im Traum

Johnny, Krassja, Liz und Ron sind in einem spießigen Provinznest aufgewachsen, zwischen Schützenverein, Vorgärten mit Gartenzwergen und Nachbarn, die hinter den Gardinen lauern. Inmitten dieser dörflichen Erwachsenenwelt hatten sie sich als Jugendliche einen Rückzugsort geschaffen: den „Tempel“, einen alten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, einen Ort der Rituale, wo jeder die Wahrheit sagen und dasjenige ins Feuer werfen muss, was ihm am wichtigsten ist. Hier hatten sie auch eine „Schatzkammer“ angelegt mit Blindgängern aus alten Munitionslagern. Einmal aber ist einer explodiert, als Johnny sich gerade im Bunker aufhielt. Danach war er für lange Zeit verschwunden. Nun, Jahre später, ist er überraschend zurück. Es kommt zum Wiedersehen der Jugendfreunde, die inzwischen an der Schwelle zum Erwachsensein stehen, die schon arbeiten oder in der Stadt leben. Nur was Johnny in all den Jahren getrieben hat, bleibt im Dunkeln. Als er auftaucht, kehrt mit ihm aber auch die alte Magie an den „Tempel“ zurück. Denn Johnny hat ein Amulett dabei, von dem er behauptet, ein Indianerhäuptling habe es ihm überreicht. Denjenigen, der es um den Hals trägt, verwandelt es in eine Wunschgestalt. Alsbald geschehen daher seltsame Dinge, angefangen damit, dass Liz’ Hund Whisky auf einmal in menschlicher Gestalt erscheint.
DAS GESCHREI DER GARTENZWERGE IM TRAUM ist ein Stück über das Erwachsenwerden und die damit verbundenen (irrealen?) Träume aber auch realen Lebensentscheidungen. Eine „sommernächtliche Horroridylle“ für ein vor allem junges Publikum.

Die Herzschrittmacherin

Magda, eine alte Frau, krank, vereinsamt, von Erinnerungen heimgesucht, wird von Jochen, ihrem lebensuntüchtigen Enkel besucht. Er kommt im Auftrag ihrer Kinder, die sich nicht mehr zu ihr trauen und soll sie zum Neurologen bringen, mit dem Ziel der Entmündigung. Die Alte und der junge Mann kommen sich näher. Magdas anarchische Lebensweisheiten und ihre zupackende Art faszinieren Jochen und so bleibt er einige Tage. Seine Großmutter lehrt ihn, wie man einen Ladendiebstahl begeht und möchte mit ihm sogar eine Bank ausrauben. Da flüchtet Jochen. Magda ist wieder allein, doch eines Tages, als sie ihren Kampf um Autonomie zu verlieren droht, als sie in ein Altersheim umziehen muß, ist Jochen wieder da. Er wirkt gereift und holt seine Oma ab, um künftig gemeinsam mit ihr zu leben…

John Player Sampling Eichendorff

Nach seinem Abitur flüchtet der jugendliche Schwärmer John Player nach Berlin. Vor dem Reichtum der Eltern, vor der Provinz, vor den Erwartungen seines Vaters, vor der Behütung durch seine Mutter, in das Abenteuer Welt. Er will auf eine Schauspielschule! Doch John Player wird überfallen und trägt plötzlich ein Messer in seinem Kopf, das ihn sein gesamtes bisheriges Leben vergessen läßt. In einer Art Bewußtseinssprung beginnt er, im literarischen Idiom der deutschen Romantik zu sprechen, wie aus einem idyllischen 18.Jahrhundert in ein chaotisches Heute gefallen. Oder spielt der Phantast allen etwas vor, auch sich selbst? Offenbar kann (und will?) er in der modernen Großstadt, durch die er geistert, nicht heimisch werden. Er schwärmt für jene Frau, die ihm Erste Hilfe geleistet hat, aber kann sie nicht wiederfinden. Schließlich landet John Player im Irrenhaus, wird mit der Diagnose „Pseudologie“ entlassen und findet die Angebetete überraschend wieder. Mit ihr zusammen baut er eine bescheidene Existenz auf, sie wird schwanger, beide planen zu heiraten, er findet Arbeit… Bis der Vater auftaucht, der den Weg seines Filius aus der Ferne verfolgt und gelenkt hat.