Mario Salazar

 

Die ersten Texte, die ich schrieb, waren an meine Jugendliebe adressiert. Ich sprengte mit einem Kugelschreiber Felsen um Felsen aus meinem Herzen heraus, wusste, ich käme ihr näher und näher mit jedem an das Tageslicht beförderten Liebesgestein. Gut, das waren die Zehnerjahre und das eigene Leben ist über alle Maßen dramatisch in dieser Zeit. Nach den Zehnerjahren kommen die Zwanziger und danach die Dreißiger, und wahrscheinlich erwischen mich auch noch die Vierziger Jahre. Die Jugendliebe lebt heute in Uganda und mein Leben ist nicht mehr so dramatisch. Nur das Schreiben ist geblieben. Schreiben, das ist ein Selbstgespräch mit dem eigenen Herzen. Das Herz und das Leben, welches sich mir als die Diktatur der Wahrheit aufdrängt, stehen sich gegenüber. Das Schreiben versucht, die beiden mit einander zu versöhnen, dieses Schreiben, welches immer noch versucht, ein Liebesbrief zu sein.

Mario Salazar, geboren 1980 in Berlin. Nach dem Abitur Arbeit mit Heimkindern in Spanien und Frankreich. Zivildienst im Psychiatrischen Krankenhaus Eibenhof in Berlin. Magisterstudium der Politikwissenschaft, der Nordamerikastudien und der Lateinamerikanistik an der Freien Universität Berlin und der Universidad de Chile. Studium bei Moritz Rinke, Michael Lentz und Jens Groß am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Eingeladen zu den Werkstatttagen 2010 des Wiener Burgtheaters. Mit „Alles Gold was glänzt“ Hörspielpreisträger des Stückemarktes des Berliner Theatertreffens 2011. „Alles Gold was glänzt“ wird in der Spielzeit 2012/13 von Milan Peschel am Theater Heidelberg uraufgeführt. Zurzeit Arbeit am Drama „Hieron“ und dem Briefroman „Hans“. Mario Salazar lebt in Berlin. Teilnahme mit „Am Leben werden wir nicht scheitern“ am Heidelberger Stückemarkt 2012. Die Uraufführung seines neuen Stücks „Die Welt mein Herz“ findet im Januar 2014 an den Bühnen der Stadt Köln statt.

Theaterstück
2011 / Heimat; UA: 24.3.2011 Berlin
2012 / Man müsste auf dem Mond leben, um die Erde zu verstehen (Irgendwo müsste es schön sein); UA: 21.6.2012 Bochum
2012 / Alles Gold was glänzt; UA: 22.11.2012, Heidelberg
2013 / Hieron – Vollkommene Welt; UA: 30.8.2013, Berlin
2013 / Am Leben werden wir nicht scheitern; UA: 15.11.2013, Berlin
2014 / Die Welt mein Herz; UA: 31.1.2014, Köln

Die Welt mein Herz
DIE WELT MEIN HERZ ist eine Theaterserie, die aus vier Folgen besteht. Jede Folge für sich ergibt einen Theaterabend. Alle Folgen zusammen ergeben einen sehr langen Theaterabend. In der South-Bronx erklärt der mexikanische Einwanderer Conhielo, wie er mit einem analogen sozialen Netzwerk zu Reichtum gelangen wird. In Berlin Moabit planen die Senioren Irmgard und Waltraud den 112. Geburtstag ihres Hundes Willi. In Buenos Aires-Retiro kehrt die an Fallsucht leidende Amanda ihrem Zuhälter, dem Rey de Retiro, den Rücken zu, sie geht nach Hause, eine Blechhütte weiter. Janine Baade aus Stendal macht eine Weltreise und schreibt E-Mails an den Vater ihres ermordeten Neugeborenen. Der Vater läuft derweil durch New York City und hofft, den Mord an seinem Sohn vergessen zu können.
3 Damen, 6 Herren

– Auszug aus dem ausgewählten Stück Die Welt mein Herz

Conhielo und Zapata sitzen in einem Diner irgendwo in der South Bronx/ New York City.
Conhielo hat für sich und Zapata Essen bestellt. An einem Nachbartisch sitzt Steve Melzow
aus Stendal-Süd.

CONHIELO
Zapata, heute ist ein Feiertag, heute ist der Tag, an dem ich ein neues Leben beginne. Ich habe
eine Geschäftsidee. Ich werde wahnsinnig viel Asche machen. Ich werde für mich und alle
nachfolgenden Generationen meiner Familie aussorgen, pass auf, die Idee, aber nicht
verraten. Das muss ich subversiv angehen von hinten, von unten. Das darfst du niemandem
verraten, sonst kommt einer, klaut meine Idee und wird damit reich, obwohl es meine Idee,
mein Geld ist, verstehst du.

ZAPATA
Ich gehe nach Mexiko zurück. Ich nehme Princesa und das Baby mit und gehe zurück. Ich
werde sie heiraten. Amerika, das wird nichts.

CONHIELO
Du gehst das nicht richtig an, Zapata. Du hast keine Ideen. Schau mich an. Ich habe Ideen.
Jeden Tag habe ich neue Ideen. In Amerika brauchst du Ideen. Du hättest schon Ideen haben
sollen, bevor du hergekommen bist.

ZAPATA
Hier herzukommen war schon die beste Idee, die ich jemals hatte.

CONHIELO
Und jetzt fällt dir nichts mehr ein? Du musst es so machen wie ich. Du musst abwarten. Du
musst die Ideen zu dir kommen lassen. Du musst entspannen und warten. Leg dich den
ganzen Tag ins Bett und warte ab, was passiert. Dein Hirn wird dir dann irgendwann eine Idee
geben.

ZAPATA
Ich glaub nicht, dass in meinem Hirn besonders viele Ideen drin sind, mit denen ich leben
kann.

CONHIELO
Hombre, du hast heute einen schlechten Tag. Na und? Das kann jedem mal passieren. Morgen
ist das schon wieder vorbei.

ZAPATA
Ich habe keinen schlechten Tag. Ich habe ein schlechtes Leben. Das hört niemals auf. Mir
geht es nämlich heute so beschissen wie gestern und gestern ging es mir so beschissen wie am
Tag zuvor also wie Vorgestern und an den Tag vor Vorgestern kann ich mich schon gar nicht
mehr erinnern, so beschissen muss es mir da gegangen sein. Das habe ich schon verdrängt, so
schlecht muss es mir gegangen sein. Aus so vielen schlechten Tagen kann man kein gutes
Leben machen.

CONHIELO
Wenn du nach Mexiko zurückgehst, wird dein Leben auch nicht besser sein. Ohne Ideen wirst
du nie ein gutes Leben haben, egal wo du hingehst, egal wo du herkommst. Was willst du in
Mexiko machen? Arm leben und sterben kannst du überall, aber reich wirst du nur in
Amerika.

ZAPATA
Ich will nicht reich werden. Ich will nur in Ruhe mit Princesa und dem Baby leben. Was zu
essen, was zu trinken, eine kleine Bretterbude aus Holz, kleiner Acker, mehr nicht.

CONHIELO
Was ist mit deiner Mutter? Die bringt sich um, wenn du der erzählst, dass du zurückgehen
willst. Die hat sich an der Grenze fast die Rübe wegschießen lassen, damit du hier aufs
College gehen kannst, damit aus dir ein richtiger Mensch wird mit Abschluss, Arbeit und irre
viel Kohle in den Taschen.

ZAPATA
Und habe ich einen Collegeabschluss? Habe ich eine Arbeit? Habe ich irre viel Kohle in den
Taschen? Ich bin kein richtiger Mensch geworden.

PRI
kommt in den Laden. Conhielo hatte PRI angerufen und ihn ebenfalls zum Essen
eingeladen.

PRI
Ihr Penner, was macht ihr hier? Was geht ihr zu den Gringos essen? Zapata, ich dachte, du
musst sparen für das Baby. Eine Mahlzeit weniger für dich, ist eine Mahlzeit mehr für das
Baby, hast du gesagt.

CONHIELO
Ich lade euch ein. Heute ist ein Feiertag. Heute beginnt mein neues Leben. Ich werde reich.
Ich habe eine Geschäftsidee. Zapata weiß es schon.

ZAPATA
Ich weiß gar nichts.

CONHIELO
Wir haben doch eben über Ideen gesprochen oder nicht?

ZAPATA
Du hast mir deine Geschäftsidee nicht verraten.

PRI
Was für eine Geschäftsidee? Du hast eine Geschäftsidee?

CONHIELO
Ja, ich habe eine Geschäftsidee. Wollt ihr wissen, was ich für eine Geschäftsidee habe? Na
klar wollt ihr wissen, was für eine Geschäftsidee ich habe. Fangen wir mal so an. Was ist das
hier gerade?

PRI
Was?

CONHIELO
Wir hier, Zapata du ich, was ist das?

ZAPATA
Wir sind Idioten.

CONHIELO
Wir sind keine Idioten. Wir sind eine Gruppe. Und wozu sind wir eine Gruppe?

PRI
Damit wir was gratis essen können und du uns deine Geschäftsidee.